Von Eilanden und anderen Inseln - Beiträge zur Inselbiogeografie 
Filmreihe in 10 Teilen – Dreharbeiten bis Ende 2008
An was denkt man gewöhnlich beim Thema Inseln? Richtig. An palmengesäumte Strände, einsame Südseeinseln, Sonne, türkisfarbenes Meer, weißen Sand und die verschwenderische Pracht einer tropischen Tier- und Pflanzenwelt. Kaum einem werden dabei wohl windumtoste Felsnadeln in den Sinn kommen, die irgendwo am Ende der Welt aus dem Ozean ragen, noch weniger sicherlich Inselkontinente wie Madagaskar, die Tafelberge Venezuelas und schon gar nicht Nationalparks oder Naturreservate irgendwo in Europa oder im Rest der Welt. Eines haben diese so unterschiedlichen Lebensräume dennoch gemein: Es sind Inseln – in einem ökologischen Sinn. Auf und in ihnen gelten besondere Gesetze. Sie zeigen, wie fragil die Fäden in natürlichen Systemen gewebt sind – und wie leicht zu zerstören. Und sie werfen ein überraschendes Licht auf unseren Umgang mit Natur.

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| Lord Howe Island, Australien |
Vielleicht sollte man an dieser Stelle die Einleitung von DAVID QUAMMENs Buch „Der Gesang des Dodo“ zitieren, in dem er auf anschauliche Weise die fachmännische Zerlegung eines zweiundzwanzig Quadratmeter großen persischen Teppichs mittels eines gut geschärften Jagdmessers in gleich große Einzelteile beschreibt. Aus den daraus resultierenden sechsunddreißig ausgefransten Bettvorlegern steigt die drängende Frage auf: Sind diese sechsunddreißig identischen Fußmatten nun allesamt gleichwertige kleine Perserteppiche? 
Übertragen auf Ökosysteme, die durch Urkräfte der Natur oder menschliche Einflüsse zerstückelt und zerpflückt, isoliert, zerschnitten und immer aufs Neue aufgedröselt werden, lautet die Frage anders: Sind Teile, Reste, Bruchstücke eines Lebensraumes der ursprünglichen Ganzheit gleich? Mitnichten. Es ist Flickwerk, wie die Teile des persischen Teppichs, dessen Ränder sich aufzulösen beginnen. Die Ränder des Teppichs sind der Schlüssel dazu, warum es manche Arten heute nicht mehr gibt. 
Diese ökologische Einsicht spannt einen weiten und erkenntnistheoretisch äußerst interessanten Bogen von winzigen Inselchen, fernab jeder Landmasse, zu aktuellen Fragen des Natur- und Artenschutzes, die heute drängender sind denn je. Inseln leisten zum Verständnis dessen, was Voraussetzung für Artenwandel und Aussterben ist, einen enorm wichtigen Beitrag. Dabei ist der Begriff Insel nicht immer wörtlich zu nehmen. Auch so genannte Habitatinseln, eng umrissene Areale des Festlandes – Bergspitzen, Regionen mit einem bestimmten Boden- und Vegetationstyp, Seen, Lücken im Baldachin des Waldes, ja die Baumkronen isolierter Urwaldriesen selbst – funktionieren nach dem ökologischen Strickmuster von Inseln. 
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| Balls Pyramid, Australien |
Um bei dem persischen Teppich zu bleiben: Es ist keineswegs egal wie groß die entstehenden Teppichreste sind. Auch ist nicht gleichgültig, wo sie zu Liegen kommen. Für die Besiedlung von Inseln, ihre Artenvielfalt und das Gleichgewicht zwischen Einwandern und Aussterben spielen Fläche, geografische Lage und der Grad der Isolation eine gewaltige Rolle. Allgemein gültige Aussagen gibt es wenige, trotzdem hielten einige Fakten bisher den Überprüfungen stand. Der berühmte Biologe Edward O. Wilson hat sie zusammen mit dem Mathematiker ??? McArthur 19?? In seiner Inseltheorie formuliert. Auf Inseln leben generell weniger Arten als auf dem Festland. Je geringer die Fläche, desto weniger Arten siedeln auf ihnen. Und: Die Anzahl der Arten einer Insel wird durch das Gleichgewicht zwischen Zuwanderung und Erlöschen bestimmt. D.h., Arten sterben fortwährend aus und werden durch dieselben oder andere Arten ersetzt. 
Weiter steht zu vermuten, dass ein gewisser, nicht ganz unbeträchtlicher Zusammenhang zwischen der Arealgröße und der Vielfalt der darin zur Verfügung stehenden Lebensräume besteht. Erwartungsgemäß sollten sich daher in einem großen Gebiet mehr Arten aufhalten als in einem vergleichbaren kleinen. 
Die Vorgänge sind kompliziert und die ökologische Komplexität lässt sich kaum auf einige wenige mathematische Modelle zu reduzieren. Ein willkürlich gewähltes Areal auf dem Festland beherbergt normalerweise mehr Arten, als eine sonst äquivalente Insel. Umgekehrt verlieren Inseln, die zum Beispiel durch ein Ansteigen des Meeresspiegels vom Festland abgeschnitten werden, solange Arten, bis ihre Anzahl der Inselgröße entspricht. Diese Auswirkungen sind umso gravierender, je weiter die Insel vom Festland entfernt liegt. Ozeanische Inseln besitzen eine geringere Artenvielfalt als kontinentale, küstennahe Inseln gleicher Größe. Je weiter die Insel vom Kontinent entfernt liegt, desto höher ist zudem die Anzahl endemischer, also nur dort heimischer Arten. 
Dabei ist Entfernung ein relativer Begriff und vom untersuchten Organismus abhängig. Auch entfernte Inseln sind für Vögel normalerweise leichter erreichbar als für die meisten Landsäugetiere – mit ein Grund, warum Ratten und Mäuse auf vielen abgelegenen Inselgruppen fehlten, bis der Mensch sie auf seinen Schiffen mitbrachte. Eingeschleppte Tier- und Pflanzenarten richten in Inselhabitaten weitaus größere Schäden an als in vergleichbaren Festlandsarealen, wo eine Koevolution oft schon seit Jahrmillionen stattgefunden hat – nicht zuletzt deshalb, weil viele Arten mit geringer Individuendichte auf Inseln nur kleine Populationen ausbilden, die selbst durch natürliche Fluktuationen schnell eliminiert werden können. 
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| Eriyadhoo, Malediven |
Kein Aspekt der Ökologie kann ohne die Betrachtung evolutionärer Ereignisse verstanden werden. Dies gilt besonders für die Lebensgemeinschaften auf Inseln. Anpassungsdruck und Selektion finden auf Inseln unmittelbarere Wege, um den Hebel anzusetzen. Deshalb ist der Artenfluss, der Austausch von Arten, hier höher als anderswo. Dabei lassen sich kaum Voraussagen treffen, welche Arten eine Insel besiedeln werden. Es scheint, als sei eher ein Grundtypus gefragt, der bestimmte Nischen zu besiedeln in der Lage ist, als eine genau definierte Art. Die Artzusammensetzung ist weitgehend dem Zufall überlassen und eher abhängig von Zeitpunkt und Reihenfolge der Besiedlung. 
Dabei münden Konkurrenzvermeidung und Selektionsvorteil gerade auf Inseln besonders häufig in der Bildung neuer Arten. In einigen Fällen übersteigt die Artbildungsrate sogar die Anzahl neu eingewanderter Arten. Vor dem Hintergrund der Inseltheorie sind die Lord Howe Inseln vor der Ostküste Australiens ebenso als Inseln zu betrachten, wie die letzten Refugien der Waldelefanten im afrikanischen Urwald, die von Holzeinschlag und Raubbau aufs Stärkste bedroht sind, die Vulkane der Galapagos Inseln genauso, wie Naturreservate mitten in Europa oder anderswo auf der Welt. Für all diese Thesen und Theorien gibt es Beispiele. Beispiele, die eindrücklich darstellen, wie Ökologie und Evolution in gegenseitigem Wechselspiel funktionieren, welche Mechanismen das fein gewebte Netz ökologischer Abhängigkeiten beeinflussen, und warum manch gut gemeinter Ansatz im heutigen Naturschutz falsch ist.
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